Am 8. Juli 2014 ist der Rundfunkchor Berlin erstmalig in seiner 89-jährigen Geschichte in den Ausstand getreten. Was für viele überraschend kam, hat eine lange Vorgeschichte.

Diese Website versucht den Arbeitskampf zu dokumentieren, Hintergründe aufzuzeigen und legt dabei den Schwerpunkt auf die Diskrepanz zwischen weltweit höchster künstlerischer Reputation in der Arbeit einerseits, und Geringschätzung dieser Arbeit in der Behandlung durch die Gesellschafter der roc berlin andererseits.

Vorgeschichte

Am 01.08.1992 wurde ein Tarifvertrag für den Rundfunkchor Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) mit dem ZDF geschlossen. Im Rahmen des Rundfunk-Überleitungsvertrages wurden diese beiden Ost-Ensembles vorübergehend beim ZDF „geparkt“ bis zur Findung einer dauerhaften Lösung.

Diese dauerhafte Lösung hieß dann schließlich Rundfunk Orchester und Chöre GmbH Berlin (roc berlin), wurde am 01.01.1994 gegründet und umfasste zwei Orchester, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO Berlin) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), und zwei Chöre, den Rundfunkchor Berlin und den RIAS Kammerchor, anfangs auch noch die RIAS BIG BAND.

Seit diesem Datum hat der Tarifvertrag von 1992 seine Tarifbindung verloren. Der Rundfunkchor Berlin arbeitet also seit 1994 ohne Tarifvertrag, so sieht es zumindest der Geschäftsfürende Direktor des Deutschen Bühnenvereins (DBV), Rolf Bolwin, der seit Januar 2011 Tarifverhandlungen im Auftrag der roc berlin führt und von da an von einem „tariflosen Zustand“ bei RSB und Rundfunkchor sprach. Und so hat es ebenfalls das Bundesarbeitsgericht in einem Urteil vom Juni 2013 festgestellt.

Bereits 1996 und 2004 scheiterten Tarifverhandlungen. Beide Male sollte (wie bisher auch) ein gemeinsamer Tarifvertrag für RSB und Rundfunkchor verhandelt werden, mit individuellen Abweichungen für die jeweiligen Ensembles. Zuerst wurden in beiden Fällen die Details für das Orchester verhandelt. Beide Male machten die Gesellschafter, nachdem konkrete Ergebnisse für das Orchester vorlagen, einen Rückzieher.

2001 wurde die RIAS BIG BAND aus finanziellen Gründen aus der roc berlin „ausgegliedert“.

Seit 2004 wurden bei den drei Ensembles RSB, Rundfunkchor und RIAS Kammerchor keine Gehaltsanpassungen mehr vorgenommen, mit der Begründung, dass dafür eine tarifliche Regelung vorliegen müsste, die aber bei den drei Ensemble so nicht existiere.

2010 stellte die roc berlin den Antrag auf Aufnahme in den Deutschen Bühnenverein. Daraufhin nahm der DBV ab Januar 2011 Tarifverhandlungen auf, zunächst mit dem RSB – die Chöre sollten danach an die Reihe kommen. Im Juni 2012 wurde ein Tarifvertrag mit dem RSB geschlossen.

Nach etlichen Vorgesprächen ab Mai 2012 fand im Februar 2013 die erste Tarifverhandlungsrunde mit dem Rundfunkchor statt. Nach insgesamt fünf solcher Runden kam es im November 2013 schließlich zur Einigung zwischen DBV und Deutscher Orchestervereinigung (DOV) über einen Tarifvertrag für den Rundfunkchor Berlin. Es folgten in den weiteren Wochen und Monaten weitere kleine inhaltliche und redaktionelle Korrekturen. Spätestens seit Mai 2014 liegt ein unterschriftsreif ausverhandelter Tarifvertrag vor.

In der Kuratoriumssitzung am 8. Juli 2014 verweigerte das Kuratorium der roc berlin die Zustimmung zu diesem Tarifvertrag. Begründung: Die Zahlen seien zu kurzfristig bekannt gewesen. Das ist völlig unverständlich: Die Zahlen sind dem Rundfunkchor, der DOV und dem DBV bereits seit Juni 2013 bekannt gewesen. Danach hat sich in den Verhandlungen an den Zahlen nichts mehr geändert, es wurde lediglich noch über Arbeitsbedingungen verhandelt.

Daraufhin ist der Rundfunkchor Berlin am späten Nachmittag des 8. Juli in den unbefristeten Ausstand getreten.